Einblick in mein Arbeitszimmer

Fotoprojekt „Gestaltungsräume“

Julia Rosenberg, die im Sommersemester 2020 in meinem Seminar „Aspekte der Kommunikationsgestaltung“ war, hat für den Kurs „Das serielle Porträt“ bei Prof. Hermann Dornhege zehn Kreative in ihren Arbeitsumgebungen fotografiert. Darunter auch Frank Hoppmann, dem ich die grandiosen Illustrationen für mein Buch „Das Bestiarium“ verdanke, oder Henrik und Julian Klein von Superkolor.

Dabei sind nicht nur sehr schöne Porträtfotos entstanden, sondern auch interessante Interviews zu den ganz verschiedenen Räumen und ob und wie diese die Arbeit beeinflussen. Hier das Interview mit mir in einer leicht gekürzten und überarbeiteten Fassung:

Foto: Julia Rosenberg

Umgeben von Büchern und Designklassikern arbeitet Jakob Maser neben seiner Agenturtätigkeit als Teamleitung Kreation bei LIVING CONCEPT in Münster auch selbstständig. Dafür hat er zu Hause ein Arbeitszimmer, das mit den Möbeln aus seiner früheren Selbstständigkeit bestückt ist. Mit dem Blick auf eine weiße Wand lässt er sich nicht von seinen Aufgaben ablenken.

Wo befindet sich dein Arbeitsplatz und warum dort?

Mein Hauptarbeitsplatz ist bei LIVING CONCEPT in der Agentur. Mein Arbeitsplatz zu Hause hat sich per Zufall ergeben: Als ich in diese Wohnung hier gezogen bin, konnte ich ein Zimmer als reines Arbeits­zimmer nutzen. Dafür konnte ich die Einrichtung aus meinem alten Büro verwenden. Und durch den Verzicht auf ein eigenes Büro konnte ich mir die größere Wohnung leisten. Ich wusste, dass ich für die Arbeit als Free­lancer für Agenturen — die ich damals wieder stärker gemacht habe — und später als Festangestellter kein eigenes externes Büro brauche. Ich finde es aber gut, Wohnen und Arbeit zu trennen. Aber für das bisschen, was ich jetzt noch nebenbei mache, reicht ein Arbeitszimmer völlig aus. Wenn man sich überlegt, wie es nach Corona weitergehen könnte, finde ich es auch sehr gut, ein Arbeitszimmer zu haben. Das erleichtert das Homeoffice. Ich denke, dass ich auch „nach Corona“ wahrscheinlich alle zwei Wochen mal ein oder zwei Tage zu Hause arbeiten werde. Es ist leichter, Aufgaben, für die ich Ruhe brauche, hier zu erledigen als im Büro. Dort sitze ich im Taubenschlag und bin durch meine Rolle als Teamleiter der Kreation immer für alle ansprechbar und überall dabei. Deswegen ist es auch für die Zukunft gut, ein eigenes Arbeitszimmer zu haben.

Wie nennst du deinen Beruf?

Designer.

Was sind deine Tätigkeiten in diesem Beruf?

Die sind sehr umfassend. Klassisches Design ist es tatsächlich vergleichsweise wenig. Für meine Kunden mache viel Mediengestaltung – Anzeigen und Postings umsetzen, Webseiten pflegen usw. Meine Selbstständigkeit besteht zum Teil also aus „Aufräumen“. Bei meinen eigenen Kund:innen, aber auch bei LIVING CONCEPT, bin ich aber auch für die Strategie zuständig. Das Design macht dann das dafür zustän­dige Team. Einen weiteren Teil meiner Arbeit macht meine Lehrtätigkeit an der MSD — Münster School of Design aus. Und dazu mache ich ab und zu für Musiker:innen Coverdesigns und so. Das ist dann etwas, wo ich selber auch mal designe und auch mal was mit Riso oder Siebdruck ausprobiere.

Woran arbeitest du am liebsten?

Die Mischung macht’s. Manchmal mag ich sogar „stumpfe“ Arbeit, wie Bilder auf einer Website ins richtige Seiten­verhältnis zu bringen. Aber ohne den strategischen Teil wird es irgend­wann langweilig. Aber am schönsten finde ich es eigentlich immer, wenn ich mitkriege, wie sich Studierende entwickeln. Wenn man sieht, wie Leute, die vor Jahren bei „Aspekte der Kommunikationsgestaltung“ waren, auf einmal in irgendeiner großen Agentur sind oder selbstständig erfolgreich sind. Wenn man bemerkt, dass man etwas weitergeben konnte.

Seit wann und inwiefern bist du selbstständig?

Ich habe mein Diplom 2000 gemacht und habe auch vor meinem Diplom schon selbstständig gearbeitet, zum Beispiel mit der Gestaltung von Party-Flyern. Ich hatte kein richtiges Designbüro, sondern das ist gewachsen. Die ersten Dinge, mit denen ich Geld verdient habe, habe ich um 1994/95 gemacht. Ab 2000 war ich dann richtig selbstständig, habe aber nebenbei mindestens zur Hälfte freiberuflich für Agenturen gearbeitet. Heutzutage arbeite ich neben meiner Tätigkeit als Teamleitung bei LIVING CONCEPT nur noch für alte Bestandskunden selbstständig.

Was gefällt dir an der Selbstständigkeit, was nicht?

Mir gefällt die Unabhängigkeit zu entscheiden, was man macht und was man nicht macht. Ich hab immer ganz gut verdient, aber mir war auch bewusst, dass das schnell wechseln kann. Zum Glück waren die Phasen, in denen es mal weniger Aufträge gab, immer sehr kurz. Aber man kann ja nie wirklich sicher sein. Was in der Selbstständigkeit auch schwierig ist, ist, dass man sich selten Urlaub gönnt. Mich hat das nie sp gestört, aber in Beziehungen war das schon ein Thema. Menschen, die nicht selbstständig sind, fällt es oft schwer zu verstehen, dass man im Urlaub seinen Laptop mitnimmt, die Mails checkt und auch mal etwas arbeiten muss. Aber ich bin auch heute noch entspannter, wenn ich die Mails täglich checke, anstatt zwei Wochen gar nicht reinzuschauen.

Was ist dir am Arbeitsplatz wichtig?

Platz. Ich sehe eigentlich auch immer zu, dass der Schreibtisch frei ist. Und eine gewisse Ordnung, also zum Beispiel im Bücherregal, dass ich ungefähr weiß, wo welches Buch steht.

Ohne was kannst du nicht arbeiten?

Ohne Computer wird’s auf jeden Fall schwierig. Alles darüber hinaus ist dann eigentlich schon fast Luxus und Komfort. Ich kann auch mit dem Laptop im Café arbeiten, aber mit einem großen Bildschirm ist es natürlich komfortabler. Klar ist es gut, eine Tür hinter sich zu machen zu können und einen eigenen Raum nur für die Arbeit zu haben, aber das habe ich früher auch lange Jahre nicht gehabt und es war ok. Ich glaube unbedingt haben muss man tatsächlich wenig. Es ist eher schön, manches zu haben. Es ist schön, die ganzen Bücher im direkten Zugriff zu haben und da mal drin zu stöbern und auf andere Ideen zu kommen und Anregungen zu finden. Aber müsste ich das wirklich haben? Jetzt hätte man halt im Internet auch die Möglichkeit viel Inspiration zu finden. Muss man das dann alles noch zu Hause im Büro haben? Ich weiß es nicht. Aber ich finde es halt ganz gemütlich, so ein Regal mit Büchern.

Was inspiriert dich? Was davon hast du um dich herum?

Ich brauche ein Gegenüber. Mich inspirieren meine Auftraggeber:innen. Das ist ganz wichtig. Gestalterische Inspiration ist für mich oft auftragsbezogen. Ich hab ein Faible für Typo­grafie. Das sieht man auch, wenn man sich den hohen Anteil an Typo-Büchern hier anguckt. Es macht mir Spaß, mich damit zu beschäftigen und zu gucken, wie man mit Typografie Ausdruck schafft — also mit Schriftart, mit Schriftdesign und mit Logos. Aber ich finde es auch spannend, mit Leuten und Dingen zusammenzuarbeiten, die nicht von mir selber kommen. Zum Beispiel, wenn Auftraggeber:innen mit einer Idee oder einem Foto oder einer Illustration kommen oder sagen, hier hab ich einen Illustrator, mit dem ich gerne zusammenarbeiten würde. Spaß macht mir auch das Zusammenbringen von Menschen und das Moderieren von Prozessen, damit am Ende ein gutes Gesamter­gebnis  herauskommt. Gerade, wenn viele unterschiedliche Leute daran gearbeitet haben.

Was brauchst du, um kreativ sein zu können?

Einen Auftrag. Ich brauche irgendwie immer eine konkrete Aufgabe.

Was bringt dich in einen Flow?

Anfangen. Das ist, glaube ich, das Wichtigste. Wenn ich weiß, ich muss jetzt zum Beispiel eine Anzeige machen, dann muss ich halt einfach anfangen, weil ich nicht viel Zeit dafür habe und für den Kunden nicht unnötig viel Aufwand produzieren will. Da hilft es einfach loszulegen. Ich brauche da keine bestimmte Sachen. Weil ich jetzt meine selbstständigen Arbeiten ja immer in die Feierabend-­, Morgen-­ oder Wochenendstunden schieben muss, funktioniere ich da sehr schnell. Wenn ich weiß, meine Freundin geht jetzt joggen, dann kann ich mich eine Stunde an den Schreibtisch setzen und was schaffen, ohne ein Ritual vorher, wie einen Kaffee machen zu müssen oder so. Ich finde es auch ganz gut morgens relativ direkt loslegen zu können, weil ich weiß, dasses mittags etwas schwieriger wird. Früher habe ich viel abends und nachts gearbeitet, aber das mache ich jetzt seit bestimmz 10/15 Jahren gar nicht mehr. Jetzt bin ich eher um 10 Uhr  schon im Bett.

Wie wichtig ist dir die örtliche Trennung von Arbeit und Privatleben?

Wenn ich nur selbstständig wäre, dann wäre mir das schon wichtig, allein für die Professionalität und um sagen zu können, ich gehe jetzt zur Arbeit und da ist dann Arbeit. Das, was ich jetzt hier mache, ist ja so in dem Graubereich zwischen Arbeit und Hobby.

Identifizierst du dich mit deinem Arbeitsplatz?

Ja, ich glaube, ich kann nicht abstreiten, dass der mich schon auch irgendwie ein bisschen widerspiegelt.

Worin spiegelt sich an deinem Arbeitsplatz deiner Meinung nach deine Persönlichkeit und dein gestalterischer Stil am meisten wider?

Ich glaube schon in der Möbelauswahl, die ja auch auf der einen Seite sehr pragmatisch ist. Viele der Möbel sind einfach praktisch. Aber natürlich zeigt sich auch ein gewisses Statusbewusstsein. Bei der Gestaltung finde ich es gut, Kund:innen dabei zu helfen, ihre Vision zu verwirklichen. Die muss sich nicht unbedingt mit meiner Vision decken. Natürlich fließt immer etwas von meiner Persönlichkeit ein, das ist klar.

Arbeitest du eher analog oder digital?

Rein digital. Ich bin genau mit der Digitalisierung groß geworden.

Inwiefern trägt deine Umgebung zu deinem Arbeitserfolg/zu deiner Kreativität bei?

Sich ablenkungsfrei auf die Arbeit fokussieren zu können, ist auf jeden Fall ein wichtiger Faktor. Klar könnte ich zwischendurch auch mal am Küchen­tisch arbeiten. Aber das wäre keine Dauerlösung. Dass ich hier einen Raum habe, der exklusiv für die Arbeit da ist und in dem ich eine weiße Wand und einen freien Schreibtisch habe, sodass mich nichts großartig ablenkt, das ist gut.

Findest du es wichtig, zum Arbeiten einen Ort zu haben, den du gestalten kannst, wie du willst? Oder ist dir deine Umgebung nicht so wichtig?

Tatsächlich ist mir meine Umgebung gar nicht so wichtig. Bei LIVING CONCEPT habe ich als Teamleiter natürlich Einfluss darauf wie die Büroge­staltung aussieht. Aber für mich persönlich bin ich da relativ pragmatisch, gerade weil ich in der Agentur mehr verwaltende, beratende Tätig­keiten ausübe. Ob ich jetzt hier sitze oder da, Fenster links oder Fenster recht, das ist mir relativ egal. Während meiner Selbstständigkeit war das anders, weil ein Büro auch Teil meiner Marke war und da das Aussehen des Büros natürlich ein ganz wichtiger Punkt war.

Foto: Julia Rosenberg

Dass ich eine weiße Wand und einen weißen Schreibtisch haben kann, sodass mich nichts großartig ablenkt, das ist ganz wichtig für meine Arbeit.