Rezension „Teaching Graphic Design“

Approaches, Insights, the Role of Listening and 24 Interviews with Inspirational Educators

Sven Ingmar Thies

Sven Ingmar Thies, selbständiger Designer und Dozent an der „Angewandten“ in Wien, vereint in „Teaching Graphic Design“ erfolgreich Praxiserfahrung mit theoretischem Fundament.

Zum Inhalt

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil erläutert Thies detailliert und überzeugend sein Verständnis von Lehre. Dabei geht er auf seine eigenen Hintergründe sowie seine persönliche Zielsetzung für die Lehre ein. Zuvor führt er grundlegende Überlegungen zur Definition des Begriffs „Grafikdesign“, zur Berufspraxis und zur Lehre im Allgemeinen an. Thies legt großen Wert auf klare Begriffe und Erläuterungen.

Dieser systematische Ansatz kommt mir persönlich, der eher zufällig in die Lehre geraten ist und vieles „aus dem Bauch heraus“ entwickelt hat, sehr zugute. Thies stellt für alle Aspekte der Lehre hilfreiche Systematiken zur Verfügung. Die Themenpalette reicht von der Auswahl der Aufgabenstellung bis zu den verschiedenen Feedback- und Evaluationsmöglichkeiten.

Kern seines Verständnisses sind die Begriffe „Fragen – Zuhören – Sprechen – Überdenken – Handeln lassen“. Dabei ist für ihn das richtige „Zuhören“ zentral. Anhand dieser Begriffe gliedert er überzeugend die verschiedenen Aspekte einer Lehrtätigkeit auf. Dies bietet nicht nur im Hochschulkontext wertvolle Impulse, sondern auch für mich in meiner Rolle als Führungskraft für ein Team aus Kreativen.

Unter der Frage „Wo unterrichte ich?“ beleuchtet er beispielsweise sowohl virtuelle als auch reale Orte wie Klassenräume, Projekträume, Werkstätten, Exkursionen und Studienreisen und wie sie Lehre und Lernen beeinflussen. Thies gibt auch Antworten auf Fragen zur Bewertung der Studienergebnisse, zur Verbesserung der eigenen Lehre und zur praktischen Umsetzung.

Der erste Teil schließt mit den inspirierenden Sätzen:

„Graphic design is enthusiasm for change. Teaching is sharing enthusiasm with students. Always with the aim to learn with and from others.“

Der zweite – umfangreichere – Teil enthält 24 Interviews, die verschiedene Blickwinkel auf die Designlehre bieten. Dabei ist die Perspektive nicht nur auf Grafikdesign im engeren Sinne beschränkt, sondern umfasst auch Industriedesign, Game Design, Designtheorie und Verhaltensforschung. Zu den Interviewten zählen bekannte Namen wie Gesche Joost und Erik Spiekermann, Stefan Sagmeister, LeeAnn Renninger oder Kashiwa Sato.

Die Interviewten unterrichten in China, Deutschland, Großbritannien, Japan, Österreich oder den USA und spiegeln somit unterschiedliche Lehr- und Designtraditionen wider. Wünschenswert wären hier vielleicht noch weitere Perspektiven gewesen, zum Beispiel aus Südamerika oder Afrika. Dennoch bieten die Interviews viel Stoff zum Nachdenken. Es folgen Beispiele der Aufgabenstellungen, die die Interviewten ihren Studierenden geben. Umfangreiche Quellenangaben und Leseempfehlungen schließen den zweiten Teil ab und ermöglichen weitere Vertiefung mit dem Thema.

Fazit: Systematische Inspiration für alle Designlehrenden

„Teaching Graphic Design“ fokussiert sich auf das, was zwischen Lehrendem und Lernenden stattfindet. Die vielfältigen Aspekte und Wechselwirkungen werden überzeugend auf einzelne Elemente heruntergebrochen. Allerdings bleibt der größere Kontext der Lehre an einer wissenschaftlichen Hochschule mit ihren eigenen Regeln zu Reputation, Einfluss und Wirkung außen vor. Dies wäre sicher eine wertvolle Ergänzung gewesen, denn viele Lehrende aus der Praxis sind im „System Hochschule“ oft zunächst orientierungslos. Vermutlich hätte dies jedoch den Rahmen des Buches gesprengt.

Insgesamt bietet das Buch viele Anregungen und Denkanstöße für alle, die in der Designlehre tätig sind oder Design-Teams in Agenturen oder Unternehmen weiterbilden möchten. Sowohl erfahrene Lehrende als auch Anfänger erhalten einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Facetten der Lehre.

Ein (kleiner) Wermutstropfen ist, dass das Buch nur auf Englisch erhältlich ist. Dennoch ist es trotz des teilweise hohen Abstraktionsniveaus leicht verständlich geschrieben. Durch Einschübe mit konkreten Situationen und Erfahrungen aus seinen Seminaren lockert Thies den Text immer wieder angenehm auf. Auch sollte man sich nicht von der – für ein Designbuch – eher schlichten Aufmachung und dem dafür recht hohen Preis von 42 € abschrecken lassen, denn „Teaching Graphic Design“ enthält viele praktische Tipps und sinnvolle Auflistungen. Es wird sicherlich immer wieder gerne zur Hand genommen werden.

Teaching Graphic Design – Approaches, Insights, the Role of Listening and 24 Interviews with Inspirational Educators, herausgegeben von Sven Ingmar Thies, edition angewandte, Birkhäuser 2023, Paperback, 15 × 22,8 cm, 288 Seiten, 42 €