Beobachtungen zu „KI und Psychoanalyse“ auf den FiS-Supervisionstagen

„Fremdheit und Verbundenheit“ – so der Titel einer Veranstaltung des FiS – Fortbildungsinstitut für Supervision in Münster. Und genau das war auch mein eigenes Gefühl dort. Zwei Tage saß ich als Kommunikationsstratege und Kreativer zwischen Psychoanalytiker:innen, Supervisor:innen und Coaches – also Menschen, die sich beruflich mit Reflexion, Gesprächsführung und professionellen Beziehungen beschäftigen.
Fachlich fühlte ich mich zunächst durchaus fremd, denn der Untertitel der Veranstaltung lautete: „Künstliche Intelligenz und Psychoanalyse“. Gerade dadurch entstanden viele Berührungspunkte zu Fragen, die mich auch in Kommunikation, Strategie und Gestaltung intensiv beschäftigen.
Gleich zu Beginn beeindruckte der Philosoph und Zukunftsforscher Christian Uhle mit seiner Keynote. Sein zentraler Gedanke: Wichtiger als die Frage, was KI alles kann oder bald können wird, ist die Frage: „Wo wollen wir Menschen?“
Denn längst dringt KI in Bereiche vor, die wir für zutiefst menschlich halten – Gespräch, Reflexion, Beziehung, Orientierung. Uhle zeigte: Bereits ein Viertel der Menschen empfindet KI manchmal als Bezugsperson oder spricht mit ihr über persönliche Belastungen und Entwicklungen. Und wir erleben längst, wie selbstverständlich Menschen „Chatty“ nach Einschätzungen fragen, Gedanken sortieren oder Entscheidungen vorbereiten lassen. Oft mit erstaunlich wenig Distanz. Das beobachte ich durchaus auch bei mir selbst.
KI lässt sich dabei weder als personenähnliches Gegenüber noch als Werkzeug beschreiben. Uhle sprach stattdessen von KI als neuartigem „Akteur“ – einem Begriff, der zunächst ungewohnt wirkt, für den uns aber vielleicht tatsächlich noch die besseren Worte fehlen. Angesichts der historisch beispiellosen Geschwindigkeit und Tiefe, mit der KI inzwischen Alltag und Arbeitswelt durchdringt, überrascht das allerdings kaum.
Interessant wurde es dann vor allem dort, wo sich diese Fragen mit dem Blick auf das jeweilige Berufsfeld trafen. In den Diskussionen über die Zukunft von Supervision tauchten viele Gedanken auf, die ich auch aus Kommunikationsdesign, Strategie und Beratung kenne: Was passiert mit Berufen, deren Kern bislang Analyse, Einordnung und Reflexion war? Was verändert sich, wenn Systeme Muster schneller erkennen als Menschen? Und was bedeutet das für Tätigkeiten, die eigentlich von Beziehung, Erfahrung und Kontext leben?
Besonders anschaulich war dazu ein Praxisbeispiel zu KI-gestützter Gesprächsanalyse. Die Systeme erstellen inzwischen nicht nur Transkripte, sondern analysieren Redeanteile, Dynamiken, Stimmungen und mögliche nächste Schritte in einer Geschwindigkeit, die gleichzeitig beeindruckend und irritierend wirkt.
Ein anderes Experiment in psychoanalytischer Fallarbeit zeigte dagegen auch die Grenzen solcher Systeme. Modelle und Begriffe waren der KI „bekannt“ und erste Deutungen plausibel. Gleichzeitig entstand bei vielen das Gefühl, dass etwas Entscheidendes fehlte: Tiefe, Ambivalenz, vielleicht auch echtes Verstehen.
In diesen Gedanken erkannte ich viele Parallelen zu meiner eigenen Branche. Denn auch in Kommunikation und Markenarbeit arbeiten wir zunehmend in Umgebungen, die extrem schnell Resonanz erzeugen. Systeme spiegeln Erwartungen, Stimmungen und Sprachmuster nahezu in Echtzeit zurück. Dadurch beschleunigt KI nicht nur Produktivität, sondern auch die Entstehung von Echokammern – beruflich, kulturell und persönlich.
In vielen kreativen, strategischen und beratenden Berufen reichte bisher oft ein gutes professionelles Gefühl aus. Heute muss sich Urteilskraft stärker begründen lassen. Daten, Systeme und KI liefern schnell plausible Antworten – aber keine letzte Wahrheit. Genau deshalb werden Kontextbewusstsein, Selbstführung und die Fähigkeit, Widersprüche oder Unschärfen auszuhalten, wichtiger.
Gerade Begegnungen in fremden Kontexten – wie hier zwischen Psychoanalyse, Supervision und KI – können dabei besonders produktiv sein. Weil sie Begriffe hinterfragen, die im eigenen Alltag längst selbstverständlich geworden sind.